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Montag, 10.6.2013
Klosters -- Guarda
(ca. 46 km, 1600 Höhenmeter Anstieg)


Von Klosters nach Davos

Nach der anstrengenden ersten Etappe haben wir gut geschlafen. Das freundliche Ehepaar, in dessen Haus wir wohnen, hat uns in einer großen Stube den Frühstückstisch gedeckt und leistet uns Gesellschaft beim Essen. Leider ist unsere Stimmung gedrückt: Draußen gießt es in Strömen. Und der Wetterbericht macht uns keine Hoffnung, dass sich das im Laufe des Tages noch ändern wird – ausgerechnet bei unserer ersten Passetappe. Regen an sich sind wir ja gewöhnt. Das Frühjahr war lange kalt und nass. Und bei unserer letzten Trainingsfahrt durch das Bergische Land hat es auch fast den ganzen Tag geregnet. Was uns Sorge macht, ist die Gefahr, dass auf dem Flüela-Pass jetzt schon wieder Schnee liegt.

Für unsere gesamte Tour stehen uns maximal zwei Puffertage zur Verfügung. Da wir nicht gleich am Anfang schon einen Regen- bzw. Ruhetag einlegen wollen – wer weiß, was noch alles kommt – entscheiden wir uns, den Pass zu wagen. So starten wir also um 9.50 Uhr bei strömendem Regen unsere zweite Etappe.

Zunächst geht es noch einmal durch das Zentrum von Klosters, dann nehmen wir die stärker befahrene Straße nach Davos hinauf. Dieser Abschnitt gehört zwar noch nicht zum Flüela-Pass, ist aber bereits ziemlich haarig. Bis Davos-Wolfgang müssen wir auf ca. 7 Kilometern einen Höhenunterschied von gut 450 Metern überwinden – teilweise geht es mit über 10 % Steigung aufwärts.

Leider gibt es keine wirkliche Alternative. Mögliche Mountainbike-Strecken durch den Wald scheiden aus: Hier sind die Steigungen noch heftiger und bei dem Regen dürften die Wege für unsere bepackten Fahrräder kaum befahrbar sein. Aber auch die Straßenstrecke macht nicht wirklich Spaß – schon gar nicht bei Regen. Es gibt keinen Radweg, auch keinen Bürgersteig; abschnittsweise existiert ein schmaler Randstreifen, ab und zu gibt es eine Ausweichbucht, die wir für eine kurze Verschnaufpause nutzen können. Während wir den Berg hinaufkriechen, überholen uns immer wieder andere Fahrzeuge, darunter Lkws, Busse etc.

In Davos-Wolfgang haben wir erst einmal das Schlimmste geschafft. An der Tankstelle machen wir eine kurze Kaffeepause im Stehen. Ins Zentrum von Davos rein geht es dann erst einmal wieder abwärts (ca. 60 Höhenmeter). Wir bleiben zunächst auf der Straße, können dann aber am Davoser See vorbei bis zum Ortseingang auf einen Radweg auf der linken Straßenseite wechseln.


Von Davos bis Tschuggen am Flüela-Pass

Am Südende des Sees  verlassen wir Davos gleich wieder in östlicher Richtung auf der Flüela-Straße. Am Ortsausgang stoßen wir auf die Informationstafel für den Flüela-Pass und sind – trotz des anhaltenden Regens – erleichtert: Der Pass ist offen! Wir befinden uns auf ca. 1580 Meter ü. d. M. Die Passhöhe befindet sich in ca. 13 km Entfernung rund 800 Meter höher. Um ca. 11.40 Uhr gehen wir es an.

Auf der Flüela-Straße gibt es – im Vergleich zur Straße rauf nach Davos – nur wenig Verkehr: ab und zu ein Pkw, selten auch mal Motorräder (ein Vorteil des schlechten Wetters). Einen Radweg etc. gibt es hier natürlich auch nicht. Die Straße führt zunächst recht gerade durch den Wald (keine Serpentinen). Die Steigung beträgt hier im unteren Bereich der Passstraße um die 6 %. So lässt es sich noch recht angenehm hochkurbeln.

Gut 3,5 Kilometer nach der Info-Tafel machen wir eine kurze Rast an einer Seilbahnstation (ca. 12.15 Uhr). Hier befindet sich ein überdachter Parkplatz, wo wir vor dem Regen geschützt sind und etwas essen können. Gemütlich ist es allerdings nicht, da es inzwischen empfindlich kalt geworden ist (ca. 5 Grad). Wir befinden uns jetzt auf ca. 1800 Meter ü. d. M. Nach 15 Minuten fahren wir schon wieder weiter, bevor wir zu sehr auskühlen. Bisher haben wir gut 200 Höhenmeter geschafft – das ist allerdings erst ein Viertel vom gesamten Passaufstieg.

Die Passstraße geht gnadenlos immer weiter aufwärts (5-6 %). Ich merke wie meine Beine schwerer werden, schaffe es aber, noch Sichtkontakt zu Frank und Johannes zu halten. Je höher wir kommen, desto lichter wird die Vegetation – und der Regen geht langsam in Schneeregen über. An einigen Stellen liegt auch schon etwas Schnee auf den Wiesen. Eigentlich wäre es jetzt an der Zeit, ein paar Fotos von der Passtrecke zu machen. Angesichts der feuchten Witterung lasse ich die Kamera aber besser in der Lenkertasche.

Nach ca. 20 Minuten kommt der Gasthof Tschuggen in Sicht. Vor meinem geistigen Auge sehe ich mich bereits in einer warmen Stube vor einem dampfend heißen Kaffee sitzen. Irritiert bin ich allerdings als ich von weitem sehe, wie Johannes am Gasthof vorbeifährt (Frank kann ich schon gar nicht mehr sehen.). Hat der Gasthof etwa Ruhetag? Ich habe die Hoffnung, dass sich die Einfahrt hinter der steilen S-Kurve befindet, an der der Gasthof liegt. Als ich selbst langsam und „mit letzter Kraft“ am Gasthof vorbeikurbele, sieht es eigentlich nicht so aus, als ob der Gasthof geschlossen wäre. Allerdings kann ich Johannes noch sehen, bevor er hinter der nächsten Kurve verschwindet. Die Wahnsinnigen sind einfach weitergefahren! Wer braucht auch schon nach gut 2,5 Kilometern wieder eine Pause?


Von Tschuggen bis zum Flüela-Hospiz: Kampf gegen den inneren Schweinehund

Tapfer fahre ich weiter. Allerdings nimmt die Steigung hinter Tschuggen noch zu (auf durchschnittlich ca. 8 %) und ich frage mich angesichts meiner schweren Beine, wie ich mir meine Kräfte am besten einteilen sollte. Eins ist aber klar:  Eine Aufholjagd kann ich vergessen. In einer Ausweichbucht halte ich kurz an, um die Lage zu erkunden: Das Höhenprofil auf meinem GPS-Gerät zeigt mir, dass es bis zur Passhöhe noch rund 400 Höhenmeter sind. Eine Verschnaufpause zum Kräftesammeln wäre sicherlich nicht schlecht gewesen. Immerhin haben wir uns seit Klosters über 800 Höhenmeter hochgearbeitet. Stattdessen nehme ich einen großen Schluck kaltes Wasser aus der Trinkflasche. Bevor ich wieder aufsitze, lasse ich meinen Blick kurz über die Landschaft schweifen. Die Schneeflächen auf den Wiesen und Hängen werden immer ausladender. Wie das wohl oben am Pass aussieht?

Die nächsten fünf Kilometer werden dann zu einer echten Härteprüfung. Es beginnt schon mit dem Anfahren an der Steigung. Das Gepäck zieht gnadenlos nach unten. Mühsam komme ich wieder ins Rollen und kurbele langsam weiter. Immerhin habe ich auf diese Weise die Gelegenheit, die Landschaft in mich aufzunehmen. Hier oben wird es richtig schön hochalpin – zumindest so weit ich schauen kann, denn es wird immer nebliger, je höher ich komme und der Schneeregen geht immer mehr in Schnee über! Außerdem folgen im Abstand von ca. 1000 Metern weitere doppelte Spitzkehren. Das sieht spektakulär aus.

Inzwischen habe ich einen Tretrhythmus gefunden, der mich langsam aber sicher nach oben bringt. Allerdings stellt sich ein anderes Problem ein, dass ich bisher noch nicht kannte: Meine Hände schlafen ein und werden ziemlich kalt, obwohl mich die Anstrengung ordentlich schwitzen lässt. Bevor ich überhaupt kein Gefühl mehr in den Händen habe – einen Sturz will ich mir hier in der Einöde nicht leisten –, halte ich daher alle ca. 100 Höhenmeter kurz an, um meine Arme auszuschütteln und um etwas zu trinken. Das Wasser aus meiner Trinkflasche ist inzwischen so eisig kalt, dass ich trotz meines Dursts nur in kleinen Schlucken trinken kann.

Die letzten 200 Höhenmeter werden gespenstisch. Ich halte Ausschau, ob endlich das Flüela-Hospiz in Sicht kommt, kann aber kaum etwas erkennen. Das liegt einerseits am Nebel, der immer dichter wird, aber auch an Schneemassen rechts und links der Fahrbahn. Um nicht zu sehr geblendet zu werden, schaue ich meist nur vor mich auf den Asphalt. Auf der Straße bleibt der Schnee glücklicherweise nicht liegen.

Vor der letzten Kehre nutze ich noch einmal die Gelegenheit und schüttele mir an einer Haltebucht zum dritten Mal die Arme aus, um das Kribbeln aus meinen Händen zu vertreiben. Am Höhenprofil auf dem Display kann ich erkennen, dass es jetzt nur noch knapp 100 Höhenmeter bis zur Passhöhe sein können. Irgendwo hinter der Kehre muss sich das Flüela-Hospiz befinden. Ohne Navi wüsste ich jetzt wahrscheinlich überhaupt nicht, wo ich gerade bin. „Das ist das bekloppteste, was du jemals gemacht hast“, verfluche ich mich.

Noch bin ich allerdings ca. 1 km vom Hospiz entfernt und nicht weit vor mir verschwindet die Straße im Nebel. Die Aussicht, dass die Strapazen gleich ein Ende haben, treibt mich aber weiter aufwärts. Die letzten Höhenmeter kurbele ich wie mechanisch. Schließe spüre ich, wie das Treten immer leichter geht. Langsam nimmt die Steigung ab. Jetzt muss ich oben sein. Aber da ist kein Gebäude!

Dann tauchen endlich die Umrisse zweier Häuser rechts und links der Straße aus dem Nebel auf. Das muss das Flüela-Hospiz sein. Aber ich kann die Fahrräder von Frank und Johannes nirgendwo sehen. Sie werden doch wohl nicht auch noch hier vorbeigefahren sein? Den beiden traue ich alles zu.

Das Flüela-Hospiz – heiß ersehnte Einkehrmöglichkeit.
Das Flüela-Hospiz – heiß ersehnte Einkehrmöglichkeit.


Ich fahre also weiter bis ich mich zwischen den beiden Gebäuden befinde. Erleichtert entdecke ich ihre beiden Fahrräder hinter einem Vorsprung des rechten Gebäudes. Um 14.15 Uhr parke ich mein Fahrrad schnell neben den Eingang und schon beim Öffnen der Gasthaustür stelle ich überrascht fest, dass die Strapazen der letzten Stunden mit einem Schlag wie verflogen sind. Johannes und Frank wollten bei 0 Grad nicht draußen auf mich warten und haben sich es schon im urigen Gastraum gemütlich gemacht. Wir wärmen uns mit köstlicher Graupensuppe auf und trinken dann gemütlich Kaffee.


Vom Flüela-Pass nach Guarda

Als wir um 15.30 Uhr weiterfahren wollen, hat es sich aufgeklart und wir sehen jetzt erst richtig die schneebedeckten Gipfel. Es schneit kaum noch und bevor wir unsere Abfahrt beginnen machen wir noch ein paar Gipfelstürmer-Beweisfotos. Die Abfahrt ist spektakulär lang (fast 1000 Höhenmeter), aber trotzdem schnell vorbei. Der Fahrtwind ist ziemlich kalt und meine Finger sind trotz der (dünnen) Handschuhe rasch eiskalt. Glücklicherweise ist die Passstraße auf dieser Seite trocken, so dass wir uns problemlos runterrollen lassen können.

Ungemütliche Schneelandschaft am Flüela-Pass (2383 Meter über NN).
Ungemütliche Schneelandschaft am Flüela-Pass (2383 Meter über NN).


Unten in Susch sammeln wir uns an der Eisenbahnbrücke und beraten, wie wir jetzt weiter vorgehen sollen. Eigentlich wollten wir hier auf dem Zeltplatz übernachten. Allerdings hatten wir schon im Flüela-Hospiz erfahren, dass dieser Zeltplatz nicht mehr existiert. Da es erst kurz nach 16 Uhr ist, beschließen wir, heute noch ein paar Kilometer gut zu machen und dann nach einer geeigneten Übernachtungsmöglichkeit am Wegesrand zu schauen. Vielleicht schaffen wir es ja noch bis Schuls. Dort gibt es auf jeden Fall einen Zeltplatz.

Der Inn bei Susch.
Der Inn bei Susch.


Wir durchfahren Susch mit seinen hübschen Häusern und folgen dem meist geschotterten Inn-Radweg. Um 16.30 Uhr erreichen wir Lavin und machen dort eine Essenspause an einem Brunnen. Jetzt werden unser „Akkus“ doch langsam leer. Außerdem fängt es wieder leicht zu regnen an. Es wird aber nicht stärker. Auch sind die Wege relativ trocken. Die Temperatur liegt hier bei ca. 13 Grad.

Das Inntal bei Lavin.
Das Inntal bei Lavin.


Kurz vor 17 Uhr setzen wir unsere Fahrt fort. Während der Inn-Radweg zwischen Susch und Lavin praktisch auf Fluss-Niveau unten im Tal verläuft, geht es ab Lavin wieder aus dem Tal heraus. Der Weg führt uns recht malerisch durch die Wiesen am Hang. Schon von weitem sehen wir ein Dorf auf einem Vorsprung thronen. Mit den sanften Hügeln drum herum könnte man sich fast in der Toskana wähnen. Als wir uns weiter nähern wird mir klar, dass wir den Ort nicht nur von Weitem sehen werden, sondern auch mitten durch – sprich dort rauf – müssen. Nach Guarda hoch nimmt die Steigung noch zu (knapp 10 %). Insgesamt haben wir uns von tiefsten Punkt vor Lavin bis Guarda schon wieder gut 250 Höhenmeter erarbeitet. Ich bin jetzt allerdings ziemlich alle und kann den anderen beiden nur noch im Schritttempo den Berg hinauf hinterherkriechen. Um ca. 17.40 Uhr kommen wir in Guarda an.

Immerhin hat sich die Arbeit gelohnt: Guarda sieht nicht nur von weitem romantisch aus. Auch das gut erhaltene mittelalterliche Ortsbild mit seinen bemalten Häusern ist sehr sehenswert.  Da es bis Schuls noch 17 Kilometer mit einem weiteren kräftigen Anstieg sind und auch die Waden meiner Mitradler keine "Körner" mehr haben, beschließen wir, uns nach einer Unterkunft umzuschauen.

Bemalte Häuser in Guarda.
Bemalte Häuser in Guarda.


Frank entdeckt eine freie Ferienwohnung in einem hübschen alten Haus. Dort haben wir jeden Menge Platz und können -- im Gegensatz zum Zeltplatz -- all unsere nassen Sachen prima trocknen. Da wir einen großen Tisch haben, verzichten wir auf einen Restaurant-Besuch und bereiten von den Sachen, die wir dabei haben und die noch kurz vor Ladenschluss im Lebensmittelladen gekauft werden können, ein zünftiges Abendbrot.

Die zweite Etappe war zwar nur 46 km lang, hatte es aber mit über 1600 Meter Anstieg ziemlich in sich. (Fahrzeit: 5 Stunden, Durchschnitt: 9,3 km/h). Damit haben wir den härtesten Teil unserer Tour bereits hinter uns, obwohl, das was noch kommt, auch nicht ganz ohne ist ...

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